Bücher 2025
Eigentlich ziemlich spät dran für so ein Listenartikel, aber irgendwie habe ich doch Bock, über das Lesejahr 2025 nachzudenken und meine Eindrücke hier festzuhalten.
Spielen - Karl Ove Knausgaard

Das Jahr begann mit dem Ende vom dritten Teil der Min Kamp Reihe.
Spielen war ein Buch über die Pubertät und die Adoleszenz, über ausgefochtene und unausgefochtene Kämpfe mit den Eltern, die Frage, wo man hinmöchte und hingehört und die ersten zaghaften Schritte in das Erwachsenwerden. Ich fand es stellenweise schwer zu lesen, wahrscheinlich, weil meine Pubertät noch zu nah in meiner Erinnerung ist, und ich mich in so vielen fremdschamerregenden Aktionen des kleinen Karl Oves wiederfinden konnte. Das Buch hat trotzdem viele Markierungen erhalten, wie jedes Buch der Reihe.
Der Krieg mit den Molchen - Karel Čapek

Dieses Buch bekam ich von meinem geschätzten Bruder zum Geburtstag.
Die von ihm ausgewählte Edition von der Büchergilde ist wunderbar illustriert und sehr empfehlenswert.
Das Story an sich ist eine ziemlich unterhaltsame Parabel auf Sklaverei und die Konsequenzen des Fortschritts und des Kapitalismus. Das Ende will ich nicht Spoilern, aber es ist sehr gut.
Red Side Story von Jasper Fforde

Jasper Ffordes Thursday Next Reihe war wahrscheinlich eine meiner liebsten Fantasyreihen in den späten Teenagerjahren und hat mir auch das Tor zu vielen anderen Klassikern geöffnet. Irgendwann habe ich zufällig Shades of Grey von ihm entdeckt, was eine spannende Welt aufgebaut hat, in der Menschen danach sortiert werden, wie viele und welche Farben sie sehen können. Ich hatte die Story als ziemlich sonderbar (im positiven Sinn) in Erinnerung - wenn sie auch damals offensichtlich nicht abgeschlossen wurde, und noch einige Dinge in Chromatica geheimnisvoll blieben.
Ein Jahrzehnt später hat sich Fforde zusammengerafft und dieses Buch geschrieben, das die als Trilogie angekündigte Reihe fortsetzen und auch beenden soll.
Ungefähr so liest sich das ganze auch - als hätte jemand ein Grundgerüst einer Story gehabt, und ziemlich viel coole Ideen, aber keinen richtigen Plan und gegen Ende auch keine Motivation mehr, wie man das alles rund macht.
Thursday Next bleibt trotzdem eine Empfehlung!
Eine Verzweiflung - Yasmina Reza

Das Buch fand durch eine Recherche über das Kammerspiel Der Gott des Gemetzels zu mir, das Stück stammt ebenfalls aus Rezas Feder. Eine Verzweiflung ist die Abrechnung eines alten Mannes mit seinem Sohn und mit sich selbst. Als einziger Monolog geschrieben, fällt es schwer, sich mit dem Erzähler zu identifizieren oder Symapthien aufzubauen, aber ich bin ja auch eher noch auf der Seite des Sohnes. Die Sprache ist auch in der deutschen Übersetzung sehr präzise und gewitzt, insgesamt macht es schon Spaß, zu lesen, wie er seinem Sohn die Leviten liest und sich dabei selbst entlarvt.
“Keine Spur mehr von Auflehnung. Keine Spur mehr von Rache. Keine Spur mehr von Leidenschaft. Alles, was einen Mann erfüllt, ihn stärkt und über seine Verhältnisse hinaushebt, hast du in der Versenkung verschwinden lassen.”
Schön fand ich auch:
“Aus welcher Substanz besteht ein Mensch, der sich von seinen Wunden befreit hat?”
Was mich - natürlich - sofort an einen Prezidentsong denken lässt:
Und was sie Seele nennen ist nur die Summe bleibender Schäden
Du sammelst Kratzer und Dellen und Narven zeit deines Lebens
Es heisst, dass sie heiss ist - Prezident
Die Wand - Marlen Haushofer

Dieses Buch wurde mir von einer Bekannten empfohlen, als ich sie explizit nach Literatur über die weibliche Erfahrung gefragt hatte. Es ist mir, vermutlich im Zuge meiner Knausgaard-Obsession, irgendwann aufgefallen, dass ich irgendwie schon eher männliche Autoren bevorzuge, oder mit denen besser mitfühlen kann, was ich aber korrigieren wollte - Lesen ist Telepathie, vielleicht kann ich durch die aufgebrachte Empathie beim Lesen auch Frauen* und ihre Kämpfe besser verstehen?
In der Wand erzählt also eine Frau, wie sie auf eine Berghütte geht, und dort urplötzlich von einer magischen Wand von Rest der Welt isoliert wird.
Der Kommentar meiner Partnerin dazu:
Oh Gott, es ist eine Schwangerschaftsparabel???
Das also zur Perspektive auf die weibliche Erfahrung.
Ich möchte nicht zu viel über das Buch verraten, obwohl der wesentliche Verlauf der Geschichte schon in den ersten Seiten angedeutet wird. Es war jedenfalls herzzereissend wie schon lang kein anderes Buch mehr und hat mich tief berührt. Die Darstellung der Arbeiten, die notwendig sind, um ein kleines, bescheidenes Leben am laufen zu halten, ist faszinierend und gibt einem gleichzeitig auch einen anderen Blick auf den Alltag und die dabei anfallende Mental Load.
Ich möchte auch jedem Leser oder Leserin das Nachwort ans Herzen legen.
Leben - Karl Ove Knausgard

Der vierte Teil der Reihe.
Karl Ove tritt seine erste Stelle als Lehrer an und findet hier wohl auch den Stoff für sein Erstlingswerk Aus der Welt, in dem sich ein Lehrer in seine zu junge Schülerin verliebt.
Man erhält tiefere Einblicke in die sich entwickelnde Alkoholsucht seines Vaters und in die Literatur, die ihn geprägt hat. Ich habe mir einiges markiert, was ich noch zu lesen habe.
Einige Stellen wurden angehakt, unter anderem dieses Zitat hier:
Alles schmerzt, aber nichts ist so schön. Oh, dies ist das Lied über einen Sechzehnjährigen, der in einem Bus sitzt und an sie, die Einzige, denkt, ohne zu wissen, dass die Gefühle langsam, immer langsamer matter und schwächer werden, dass das Leben, das jetzt so stolz und gewaltig daherkommt, unbarmherzig weniger und weniger wird, bis es eine handliche Größe erreicht hat - dann tut es nicht mehr so weh, aber dann ist es auch nicht mehr so schön
air - Christian Kracht

Mit dem Buch habe ich gehadert. Ich fand alles irgendwie hölzern und konstruiert, ich habe nicht verstehen können, was hier gerade passiert, und ich hatte damals auch sowas geschrieben wie “von einem anderen Autor hätte ich das Buch schlecht bewertet.”
Insgesamt war das Buch ein Trip, was aber auch irgendwie gut war. Es fängt so faserlandig / eurotrashig an, mit diesem Typen, der natürlich super ist in dem was er tut, und so cool zurückgezogen lebt, und dann dreht es irgendwann komplett ab.
Kann man schon mal lesen.
Allein der erste Satz ey:
Das Leben war voller Sorge, aber auch nicht wirklich.
Fand ich irgendwie einen Fehlzünder, beim ersten Lesen. Aber beschreibt auch, naja, die generellen Umstände im niedergehenden Abendland ganz gut?
1Q84 Teil 3 - Haruki Murakami

Ein sonderbares Buch.
Es hat mich nicht wirklich mitgerissen, schon die ersten beiden Teile nicht - gleichzeitig ist mir absolut unverständlich, weshalb man so oft die ersten beiden Teile (als ein Buch zusammengefasst, alles andere wäre wirklich schwierig gewesen) in Bücherregalen sieht, aber so selten den alles beendenden letzten Teil.
Auch wenn die Geschichte jetzt nicht so richtig packend ist, ist das ganze Buch schön geschrieben und hat ziemlich spannende Teile, die auch extrem bedeutungsschwanger daherkommen. Das letzte Kapitel von Ushikawa ist auffallend anders und wird mir im Gedächtnis bleiben.
Ein Zitat, das ich mitgenommen habe:
“Für meinen Vater war es einfach das, was er am besten konnte.”
“Aha, ich verstehe”, sagte Kumi Adachi. “Ist das nicht die beste Art zu leben?” fügte sie nach kurzem Nachdenken hinzu.
“Wahrscheinlich”, sagte Tengo und ließ seinen Blick über das Kiefernwäldchen schweifen. Sicher hatte sie recht.
“Und was kannst du am besten?”, fragte Kumi Adachi.
“Ich weiß es nicht”, sagte Tegno und sah Kumi Adachi dabei ins Gesicht. “Ich weiß es wirklich nicht.”
Verzweiflungen - Heike Geißler

Große Klasse. Ein Buch über die ärgerlich kleinen und katastrophal großen Verzweiflungen. Insgesamt etwas ungehobelter als die restlichen Bücher, die ich von Frau Geißler nach diesem noch gelesen habe, etwas sprunghafter, aber das macht es nicht schlechter. Voller schlauer Zitate und Referenzen.
Ich sage: Und das Problem des Kapitalismus ist doch wirklich, dass er auch unser Zerbrochensein, unser Nichtmehrkönnen nimmt und uns auffordert, daraus zugleich ein Produkt und ein Konsumbedürfnis zu machen.
Und das Problem ist, dass ich von mir erwarte, das jetzt irgendwie interessanter zu sagen. Spezieller. So dass es wie eine Neuigkeit klingt.
Träumen - Karl Ove Knausgard

Der fünfte und damit vorletzte Teil der Reihe.
Aus Karl Ove wird im Laufe des Buches ein Schriftsteller. Er berichtet über seine Studienjahre und unerfüllte Lieben, Ferienjobs und ziemlich viel Alkohol.
Die Kapitel, in denen er beschreibt, wie er sich in seine erste Frau Tonje verliebt, sind wunderschön. Tonje hat wahrscheinlich trotzdem nur mit den Augen rollen können, immerhin machte sie als Antwort darauf eine Radiosendung, in der sie ihre Seite der Geschichte darstellte.
Knausgard arbeitete als Ferienjob auch in einer psychiatrischen Einrichtung, und diese Abschnitte waren ziemlich eindringlich. Zitate aus diesem Buch, aus dieser Buchreihe abzutippen sind unmöglich, da sie immer in einem größeren Kontext, einer Stimmung stehen, die sich schwer mit isolierten Sätzen transportieren lässt.
Saisonarbeit - Heike Geißler

Heike Geißlers Buch über die Arbeit bei Amazon sollte eigentlich in den Lesekanon eines jeden MBA Studenten aufgenommen werden. Es könnte dort auch gerne “Schnelles Denken, langsames Denken” oder dieses beknackte “Atomic Habits” verdrängen, hätte ich kein Problem damit.
Das Buch ist großartig geschrieben - ich kenne kein anderes Buch, dass in der zweiten Person, also der “Du”-Perspektive ist, und Frau Geißler füllt das wirklich mit Leben. Wahrscheinlich ist es auch ein gutes Buch, wenn man als Mann mehr Empathie für die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft erfahren möchte. Oder wenn man als Chef verstehen will, welche Dinge bei der Arbeit enorm stören können.
Ein Zitat, das ich mitgenommen habe, an das ich öfters denke, wenn ich sehe, wie Unrecht geschieht:
Ich an Ihrer Stelle habe nichts gesagt, habe nur gedacht, dass Zeit- und Weltgeschichte zu oft vor allem eines ist: Eine Ansammlung von Momenten, die als unpassende eingeschätzt wurden; unpassend, etwas anzusprechen, zu erklären, zu erkämpfen, auszutragen. Immerzu beißt sich irgendwer auf die Zunge.
Die Holländerinnen - Dorothee Elmiger

Ein Trip!
Schwere Entscheidung, ob nun Die Wand oder Die Holländerinnen mein Buch des Jahres sind, vielleicht hat auf der letzten Strecke Elminger das Rennen gemacht, allein deshalb, weil das Buch so grandios psychedelisch ist, mit den Urängsten des Menschen spielt und sich nicht zuletzt auch auf eine wahre Begebenheit bezieht. Das Buch war extrem flüssig zu lesen, so flüssig sogar, dass ich es zweimal direkt hintereinander gelesen habe, da ich den Eindruck hatte, dass die Geschehnisse des Endes durchaus auch wichtig zum Verständnis des Anfangs sind, was an dem Erzählmodus liegt: Der ganze Plot ist in eine Rahmenerzählung eingebettet, in der eine Teilnehmerin an der Expedition zum Nachfühlen des Verlorengehens der Holländerinnen über die Geschehnisse im Urwald berichtet.
Arbeiten - Heike Geißler

Noch ein Geißler-Buch!
Ich hatte Sorge, dass es sich zu sehr mit Saisonarbeit deckt, das war aber nicht so. Der Begriff der Arbeit wurde kunstvoll aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, es gab wieder eine ganze Fülle an Zitaten und Referenzen. Man lernt auch Frau Geißler und ihr Umfeld besser kennen, man begleitet eine Stückentwicklung. Nachhaltig im Kopf blieb mir ihre Beschreibung des “Schichtwechsels am Firmament”, von alten Sternzeichen, die zur Navigation verwendet wurden, hin zu neuen Starlink-Satelliten, die Informationen durch die Atmosphäre pumpen.
Allegro Pastell - Leif Randt

Mit diesem Buch habe ich mich versöhnt.
Ich fand es, bis zu unserer Besprechung im Buchclub, furchtbar. Das waren einfach nur langweilige Menschen in langweiligen Umständen, die gerne so tun, als wären sie nicht langweilig. Marken-Namedropping. Bah. Und entgegen der Behauptung, dass alle Seiten neongelb wären, wenn man die guten Sätze markieren würde, habe ich kein einziges Zitat daraus mitgenommen. Ich fand einfach alles ur so banal.
In der Besprechung im Buchclub haben wir herausgearbeitet, dass das aber Absicht ist. Das Buch ist eine Satire auf diese Menschen, die darin beschrieben werden - überzeichnet, aber gerade noch glaubhaft, so wie es gute Satire eben macht.
Allgemein kamen einige spannene Punkte zu dem Buch aufs Tapet:
- Es ist Gegenwartsliteratur, die keine Zukunft hat - viele Sätze, viele der Marken, viele der Orte werden sich totlaufen, man wird das Buch in 10 Jahren schon nicht mehr lesen können, weil die Referenzen einfach keinen Sinn mehr ergeben - was zum Fick sol leine SnapMap sein?
- Trotz der immerwiederkehrenden Betonung, dass die Hauptfiguren doch “Glücksmenschen” sind, sind ihre Emotionen maximal angepasst, unsicher, nicht mal im Extacyrausch kommt wirklich Extase auf.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich es immernoch ein mittelmäßiges Buch finde, aber immerhin hat es Emotionen ausgelöst, wenn auch die der extremen Abneigung.
That’s all!
Ein richtiges Ranking möchte ich nicht aufstellen. Ich bin ziemlich zufrieden mit der Buchauswahl des Jahres und freue mich, dass die Geschlechterbalance mit 6 Büchern aus Frauenhand und 8 von Männern fast paritätisch ist. Etwa 13 Seiten pro Tag sind neben Studium und Arbeit auch in Ordnung.
Für 2026 sieht es aus, als würde es etwas männerlastiger werden, Knausgard wird beendet werden, Solenoid liegt hier schon rum, Satangstango läuft gerade schon, mal sehen, was der Buchclub bringt. Vielleicht möchte ich etwas außerhalb des europäischen/abendländischen Kulturkreises lesen, da bietet sich eigentlich mal das Three Body Problem an. Wir werden sehen.